Transparente Lieferketten

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Transparente Lieferketten

Bild: © fairafric

Transparente Lieferketten

Veröffentlicht am 22.02.2021 von Lea Thin


Textilien, die von Kindern hergestellt werden. Palmöl, für das Millionen von Hektar an Regenwald zerstört wird. Mikroplastik, das nicht nur Konsument*innen, sondern auch die Weltmeere verschmutzt. Immer mehr Menschen fragen sich, was die Produkte, die sie konsumieren, in der Welt anrichten. Schnell tut sich ein Gefühl der Ohnmacht auf, denn scheinbar ist es kaum möglich, entlang oft langer, komplexer Wertschöpfungsketten alle Produktions- und Handelsschritte nachzuvollziehen. Transparenz vom Feld bis zum Supermarkt kann Konsument*innen eine nachhaltige Kaufentscheidung erleichtern.

Siegel - Segen oder Fluch?

Eine Möglichkeit für Konsument*innen, die Herkunft und Qualität eines Produktes nachzuvollziehen, sind Gütesiegel. Doch Siegel ist nicht gleich Siegel. Während wirklich fair und nachhaltig produzierte Produkte ihren gerechtfertigten Preis haben, haben sich in den letzten Jahren auch immer mehr Discounter das Vertrauen in Zertifizierungen zunutze gemacht, um Verbraucher*innen vom Kauf ihrer Eigenmarken zu überzeugen. Dabei geht es bei diesen Eigensiegeln häufig eher darum, das Gewissen der Kund*innen zu beruhigen. Eine bessere Nachhaltigkeitsbilanz haben die Produkte tatsächlich weniger. Ein großes Problem sind beispielsweise Kontrollen. So wird etwa mehr Bio-Baumwolle verkauft als angebaut - das ist nur möglich, da letztendlich niemand nachweisen muss, woher die Wolle tatsächlich kommt. Gleichzeitig sind auch etablierte und vertrauenswürdige Siegel wie Fairtrade oder Bioland nicht fehlerfrei. Einerseits konzentrieren sich die Zertifizierungen immer nur auf bestimmte Themen, wie etwa fairen Handel, Tierwohl, biologischen Anbau oder gesundheitlich besonders unbedenkliche Produkte. Nur in wenigen Fällen kann ein Produkt in allen Bereichen der Nachhaltigkeit überzeugen - und es gibt bislang kein Siegel, welches übergreifend alle Themen sozialer und ökologischer Gerechtigkeit in seinen Bewertungskriterien erfasst.

So stammen etwa 70 Prozent des weltweiten Kakaos aus Afrika, doch 0 Prozent der weltweiten Schokolade wurde auch in Afrika produziert - sondern in den Ländern, in denen die Schokolade letztendlich konsumiert wird.

Wertschöpfungsketten im Dorf lassen

Siegel wie Fairtrade, UTZ oder Rainforest Alliance können also mit Prämien für zertifizierte Bäuerinnen und Bauern durchaus einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung leisten, dennoch sind es in der Regel die Produzent*innen und nicht die Landwirte, die einen Großteil des Verkaufspreises erhalten. Das ist insofern problematisch, als dass die Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Produkte nur selten auch im Anbauland stattfindet. So stammen etwa 70 Prozent des weltweiten Kakaos aus Afrika, doch 0 Prozent der weltweiten Schokolade wurde auch in Afrika produziert - sondern in den Ländern, in denen die Schokolade letztendlich konsumiert wird. Das bedeutet, dass auch der überwiegende Anteil an Wertschöpfung, der durch das Produkt Schokolade entsteht, zusammen mit den wertvollen Ressourcen den afrikanischen Kontinent verlässt und so zu keiner nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung führen kann.

Schokoladen von fairafric

Damit genau das nicht passiert, findet die gesamte Produktion der Schokoladen von fairafric in Ghana statt. Das führt nicht nur dazu, dass Jobs in Afrika geschaffen werden, auch die Qualifikation und Bezahlung vor Ort steigt an. Während selbst in Zertifizierungssystemen wie Fair Trade hauptsächlich niedrig qualifizierte Farmarbeit in den Anbauländern gefördert wird, ermöglicht fairafric durch Verlagerung des kompletten Herstellungsprozesses nach Ghana auch Beschäftigungsmöglichkeiten im verarbeitenden Gewerbe mit einer Einkommenssteigerung von mehr als 300 Prozent. Ein Boost für nachhaltige Entwicklung: Gesundheit, Bildung und Know-How werden plötzlich erschwinglich.

Moema Kaffee aus Brasilien

Ähnlich ist die Situation beim Kaffee. Während die meisten Kaffeebohnen in Brasilien geerntet werden, verdienen am Kaffee hauptsächlich die Konsumländer Schweiz, Deutschland und Italien. Das Unternehmen Moema belässt daher die maximale Wertschöpfung bewusst in Brasilien - als bislang einziger Kaffee-Produzent in Europa. Um das zu ermöglichen, folgt das Unternehmen dem Direct Trade Ansatz. Moema umgeht damit unnötige Zwischenhändler, die den Kaffee nicht nur unnötig teurer machen, sondern auch die durch Kaffee entstehende Wertschöpfung aus dem Anbauland tragen. Stattdessen arbeitet das Unternehmen eng mit Farmen und Kooperativen in Brasilien zusammen und gewährleistet so faire Arbeitsbedingungen, deren Einhaltung es eigenhändig überprüfen kann. Dadurch verdienen die brasilianischen Kleinbauern bis zu zehnmal mehr als im handelsüblichen Fair Trade.

Transparente Lieferketten: Wissen, wo was herkommt

Diese Ansätze beweisen: Transparente und nachvollziehbare Lieferketten sind möglich! Die Wege, die ein Produkt vom Feld bis zum Supermarkt zurücklegt können vor allem dank digitaler Errungenschaften nachvollzogen werden. Doch Lieferkettentransparenz ist nicht nur machbar, sondern auch notwendig. Die zunehmende Globalisierung von Märkten macht es möglich, immer verworrenere Handelswege zu beschreiten und sich damit demokratischer Kontrollen komplett zu entziehen. Auch wenn Siegel Konsument*innen bereits transparente Einkäufe ermöglichen, so sind es weiterhin zu wenige Menschen, die auf zertifizierte Produkte zurückgreifen. Vielmehr braucht es einen rechtlichen Rahmen, der Transparenz gesetzlich festschreibt und so keinen Missbrauch von Umwelt und Arbeitskräften mehr ermöglicht - egal wo.

 

Freiwillige Selbstverpflichtung ist eine Sackgasse

Ein Instrument, um Transparenz nach außen zu zeigen, ist die Karte von morgen. Auch wenn immer mehr Social Businesses ihre Lieferketten bewusst offen legen, die Verlagerung der kompletten Wertschöpfung nach Afrika oder Südamerika ist aufgrund der schlecht ausgebauten Infrastruktur aktuell kaum realisierbar. Würde es mehr Unternehmen wie fairafric oder Moema geben, würde auch die lokale Qualität von Dienstleistungen und Infrastruktur steigen und so immer weitere Unternehmen anlocken. Freiwilligkeit funktioniert aber nur bedingt, denn: Intransparenz ist notwendig auf dem hart umkämpften Weltmarkt. Würden Zulieferer ihre Lieferanten und Subunternehmen offenlegen, würde dies ihr größtes Geheimnis lüften und so deren Geschäftsmodelle zerstören.

Her mit dem Lieferkettengesetz!

So lobenswert die Selbstverpflichtung zu mehr Transparenz also ist, Freiwilligkeit allein löst das Problem intransparenter Lieferketten nicht. Mit Steuervorteilen für nachweisbare Transparenz und die Einhaltung von Umwelt- und Menschenrechtsstandards wäre schon viel gewonnen. Dennoch ist auch ein Lieferkettengesetz unumgänglich, dass Unternehmen zur Einhaltung von Standards auch im Ausland verpflichtet. Der größte Gegenwind kommt von der Industrie. Kein Wunder: Mit zunehmender Sichtbarkeit werden Arbeiter*innen aber auch die Umwelt eine Stimme bekommen und letztendlich höhere Kosten verursachen. Gleichzeitig wird für die großen Fische auf dem Weltmarkt weniger vom Kuchen abfallen. Auch ist die lückenlose Rückverfolgung der Wertschöpfung auf dem stark globalisierten Markt eine logistische Herausforderung.

Im Februar 2021 wurde nun ein Gesetzesentwurf beschlossen, der in abgeschwächter Form Unternehmen zur Sorgfaltspflicht ziehen soll. Viele Initiativen beklagen, dass nur wenige große Unternehmen zur Rechenschaft gezogen werden können, und eine zivilrechtliche Haftung bei Verstößen fehlt. Somit sei das Regelwerk weit entfernt von den ursprünglichen Forderungen. Dennoch ist es ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung.

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  • Lea Thin