Was Sozialunternehmer:innen von Jesus lernen können

RSS
Was Sozialunternehmer:innen von Jesus lernen können

Bild: © Unsplash

Was Sozialunternehmer:innen von Jesus lernen können

Veröffentlicht am 30.06.2021 von Simon Böhnlein


Lange Haare, Hipsterbart, riesige Fangemeinschaft, Sandalen statt Markenklamotten – und der Typ spricht vor Tausenden Menschen über eine bessere Welt. Könnte ein Berliner Sozialunternehmer sein. Oder: Jesus. Aber nicht nur Äußerlichkeiten ähneln sich. Machen wir also ein Gedankenexperiment: Ich bin echt kein Fan der Kirchen, aber der historische Jesus war für mich Social Entrepreneur. Seine soziale Innovation: Nächstenliebe.

Ich habe mich im Rahmen meiner Masterarbeit 2016 mit Definitionen und Theorien des Sozialunternehmer:innentums beschäftigt. Als ich in dieser Zeit an einem Wochenende meine Familie in Bayern besuchte, ging’s in die Kirche. Macht man halt mit. Religiös bin ich nicht, ausgetreten mittlerweile auch. Ein Gottesdienst bedeutet, ob gläubig oder nicht, vor allem eins: Zeit zum Nachdenken. Ich ging im Kopf die Theorien zu Social Entrepreneurship durch: Ein Mensch entwickelt eine soziale Praktik, immer mehr Menschen kopieren die Methode, bis sie schließlich universell angewandt wird. Passt das Modell auf den Typ, der bei jedem Gottesdienst eine Hauptrolle spielt?

Er inspirierte als Einzelner immer mehr Menschen, seine neue soziale Praktik der Nächstenliebe zu kopieren und zu verbreiten

Simon, GoodBuy Gründer

Definition eines Social Entrepreneurs

Lassen wir mal Mythen, ideellen Überbau und die Diskussion, ob es eine Jesus-Figur wirklich genau so gab, beiseite. Was bleibt dann? Ein Mensch, der in einem Zeitalter der Sklaverei, Völkermorde und Gladiatorenspiele ein neues Weltbild im wahrsten Sinne des Wortes „predigte“: Nächstenliebe, Altruismus. Zum Social Entrepreneur lässt ihn das werden, was dann geschah: Er inspirierte als Einzelner immer mehr Menschen, seine neue soziale Praktik der Nächstenliebe zu kopieren und zu verbreiten. Seine zwölf Jünger waren das Gründungsteam seines Social Startups, das die neue Idee immer weiter verbreitete und skalierte. Klar, ohne kapitalistisches Geschäftsmodell, aber das ist bei vielen Definitionen und nach meinem Verständnis von Sozialunternehmer:innentum auch nicht essenziell.

Kein Patent auf soziale Innovationen

Man kann zu Recht fragen: Was hat die Kirche noch groß mit Nächstenliebe am Hut? Wie konnte sich Donald Trump in den USA als Vertreter christlicher Werte inszenieren? Hat mit der ursprünglichen Botschaft Jesu eher weniger zu tun, oder? Soziale Innovationen passen im Gegensatz zu technischen Erfindungen nicht in einen Konstruktionsplan. Sie sind komplex, werden permanent neu interpretiert. Das gilt bis heute: Aus Couchsurfing wurde Airbnb. Aus Mikrokrediten, dem Allheilmittel gegen extreme Armut, wurden Schuldenfallen, weil Banken die Idee ohne den „sozialen Teil“ des ursprünglichen Wirkungsmodells von Muhammad Yunus umsetzten. Sie vergaben die Kredite etwa für Mitgiften statt ausschließlich für Investitionen in die Zukunft wie Bildung oder Saatgut.

 

Wie können wir es schaffen, dass gute soziale Innovationen nicht verwässern? Je schneller man eine Idee skalieren will, desto häufiger wird sie neu interpretiert. Vielleicht zum Guten. Vielleicht aber auch nicht. Deshalb brauchen wir nicht nur viele neue Ideen, wir müssen auch darauf achten, was aus ihnen wird.

Dieser Artikel erschien zuerst im enorm Magazin (Kapitalismus hacken). enorm ist Teil unserer Good Family und erscheint 6-mal jährlich als gedrucktes Heft und täglich online. Das Print-Abo gibt es ab 30,- Euro/Jahr. Für alle, die sich ein Abo nicht leisten können, gibt es ein kostenfreies Abo-Kontingent.

 

Sold out

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag

  • Simon Böhnlein