Nachhaltiger Umgang mit Lebensmitteln

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Nachhaltiger Umgang mit Lebensmitteln

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Nachhaltig leben – wie wir unseren Umgang mit Lebensmitteln optimieren können

Veröffentlicht am 17.06.2021 von Nina Brauneis


Die Lebensmittelversorgung hat sich hierzulande in den letzten 100 Jahren massiv verändert und damit einhergehend sind auch unsere Essgewohnheiten anders als früher. Die permanente Verfügbarkeit von allen Lebensmitteln in großen Mengen, unabhängig davon, ob sie hier heimisch sind, trägt dieses Gewohnheitsgefühl maßgeblich mit. Für viele von uns ist es wohl nur schwer vorstellbar auf Avocado, Banane, Kaffee & Co zu verzichten. Vielen ist durchaus bewusst, dass eine auf Regionalität und Saisonalität basierende Versorgung deutlich ressourcenschonender und sozialverträglicher wäre. Dennoch fällt es uns, bei den unzähligen Verlockungen im Supermarkt, schwer hier konsequenter im Verzicht zu sein. Neben unseren persönlichen Konsumgewohnheiten werden wir aber auch immer wieder mit dem politisch-wirtschaftlichen Lebensmittelumgang konfrontiert.

Wir wollen euch hier ein paar Möglichkeiten aufzeigen, wie ihr euch saisonal und regional ernähren könnt und zeigen, welche tollen Initiativen es inzwischen gibt, um ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung zu setzen. Denn auch im Kleinen lassen sich bereits viele Dinge verändern, die gar nichts mit Verzicht zu tun haben müssen und allen Menschen unabhängig von ihren finanziellen Voraussetzungen offen stehen.  

Wir sind es so gewohnt Lebensmittel zu verschwenden, dass wir ihren Wert vergessen haben und die Auswirkungen, welche die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung auf die Natur hat. Ob es gefällt oder nicht, wir in unserem Zuhause sind der größte Teil des Problems.

Marcus Gover, Vorsitzender NGO „Wrap“

Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) werden global etwa 1,3 Milliarden Tonnen essbare Lebensmittel jährlich weggeworfen – alleine 12 Millionen davon in Deutschland1. Lebensmittelverschwendung hat dabei viele Gesichter. Zum einen müssen wir uns hier oft an die eigene Nase fassen. Nicht selten findet sich verdorbenes Essen, aufgrund von schlechter Lagerung oder überambitioniertem Kaufverhalten, in der letzten Ecke des Kühlschranks und landet somit im Müll. Weitaus dramatischer sind in diesem Kontext aber die großflächigen Vernichtungen von essbaren Lebensmitteln. Bereits auf dem Acker wird penibel aussortiert: was nicht der Norm entspricht bleibt in der Regel liegen. Lebensmittel, die ihre Reise in den Supermarkt antreten, werden aber spätestens mit Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums oder aufgrund von schlechter Lagerung in die Tonne verfrachtet. Und auch die Gastronomie sieht sich mit diesem Problem konfrontiert. Schlechte Kalkulationen führen nicht selten dazu, dass leckeres Essen im Müll landet.

 

Die unabhängige Initiative "foodsharing"2 ist eine Online-Plattform, die sich zugleich als bildungspolitische Bewegung gegen Lebensmittelverschwendung versteht. Sie wurde 2012 in Berlin gegründet und existiert somit seit 9 Jahren. foodsharing hat sich nachhaltigen Konsum- und Umweltzielen verpflichtet und fordert neben einem Wegwerfstopp von Lebensmitteln auch ein Ende des Verpackungswahnsinns in Supermärkten. Im Konkreten handelt es sich hier um eine Plattform zur Lebensmittelrettung. Dabei werden ungewollte und aussortierte Lebensmittel aus kleinen und großen Betrieben sowie privaten Haushalten „gerettet“. Die komplette Vernetzung der Initiative erfolgt über die Online-Plattform foodsharing.de. Hier erfolgt auch die Koordinierung der Lebensmittelretter*innen, s.g. Foodsharer/Foodsaver in den jeweiligen Regionen und Städten. Gleichzeitig wird die Online-Plattform auch zur Veröffentlichung überregionaler Informationen und Veranstaltungen genutzt. Es wird bewusst auf Werbung und Kommerzialisierung verzichtet. Um Teil der Community als Foodsharer/Foodsaver zu werden ist eine Registrierung notwendig. Die Nutzung der Plattform ist kostenlos. Für die Registrierung muss allerdings ein gewisser Pool an Fragen zu diversen Themen rund um das Thema Lebensmittelrettung beantwortet werden. Nach einer erfolgreichen Registrierung gibt es zu Beginn Probeabholungen. Hat das alles reibungslos geklappt, kann das komplette Angebot in Anspruch genommen werden. Nutzer*innen können online dann Lebensmittelabholungen vereinbaren und an zahlreichen Stationen abholen. Auch innerhalb der Community können Lebensmittel mit Hilfe von „Essenskörben“ auf der Online-Plattform untereinander geteilt werden.  

Too Good To Go: Lebensmittelverschwendung bekämpfen

Too Good To Go zählt wohl zu den größten und bekanntesten Apps gegen Lebensmittelverschwendung. Das Berliner Start Up ist seit 2017 aktiv und baut mit Hilfe seiner App eine weltweite Bewegung gegen Food Waste auf. Die Nutzung der App ist denkbar einfach: gastronomische Betriebe wie Bäckereien, Restaurants, Supermärkte & Co können Lebensmittel zu vergünstigten Preisen anbieten, die aufgrund von Haltbarkeit oder Überproduktion ansonsten im Müll landen würden. Angeboten wird alles! Von krummem Gemüse, welches andernfalls auf dem Acker liegen bleiben würde, über fertige Leckereien von deinem Lieblingsfalafelladen, bis zu kurz vor dem Ablaufdatum stehende Lebensmittel aus dem Supermarkt. In der App lässt sich mit Hilfe des Standortes und einer Filterfunktion ganz bequem nach dem gewünschten Essensangebot in der Nähe stöbern. Neben den Ernährungsvorlieben (vegetarisch/vegan) können auch die Abholzeiten und Kategorien (z.B. Backwaren oder ganze Mahlzeiten) entsprechend angepasst werden. Zu den angebotenen Produkten gibt es dann immer eine kurze Beschreibung, was dich in etwa erwartet und wann du diese abholen kannst. Bezahlen lässt sich alles ganz bequem online über die App. Bei der Abholung muss dann lediglich der „Beleg“, den du nach der Zahlung erhältst, vorgezeigt und entwertet werden.

In unserem Berliner Store, in der Gärtnerstr. 3, könnt ihr aktuell immer Dienstags und Freitags eine Überraschungstüte mit krummem Obst und Gemüse von Querfeld3 abholen.

 

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PlantAge: Genossenschaftliche Lebensmittelversorgung

Bei PlantAge handelt es sich um eine 2018 gegründete Genossenschaft. Seit Juli 2019 werden von den eigenen Ackerflächen in Frankfurt (Oder) Haushalte in Berlin und Brandenburg mit regionalem Obst und Gemüse versorgt. Für eine Beteiligung ist zuerst ein Eintritt in die Genossenschaft nötig, wodurch alle Mitglieder zu gleichen Teilen Konsument*innen und Eigentümer*innen werden. Der Unkostenbeitrag für den Genossenschaftseinstieg liegt bei mindestens 150€. Der monatliche Anteil beträgt 79€ je Mitglied (PlantAge 20214). Die gesamten Kosten für Anbau, Logistik, Saatgut und Löhne werden dabei von allen zusammen getragen. Neben den jährlichen Gesamtkosten werden auch die Ackererträge unter allen Mitgliedern zu gleichen Anteilen aufgeteilt. Alle erhalten dabei auf das Jahr gerechnet 46 Lieferungen mit regionalem und saisonalem Obst und Gemüse aus veganem und biozyklischem Anbau, welches dann in verschiedenen Verteilstationen in Berlin abgeholt werden kann. Da alle Erträge zu gleichen Teilen zwischen den Mitgliedern aufgeteilt werden, kommt es nicht zur Überproduktion von Lebensmitteln, wodurch ein wichtiger Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung geleistet werden kann. Die Standardkiste ist für zwei Personen konzipiert und umfasst ausschließlich regionale Produkte, welche je nach Ertrag und Saisonalität variieren können. PlantAge möchte eine regionale und unabhängige Grundversorgung aufbauen und damit ein Gegenmodell zur konventionellen Lebensmittelversorgung, welche auf Ausbeutung, Verschwendung und Umweltverschmutzung aufbaut, darstellen. Perspektivisch soll dadurch gesellschaftliche Souveränität entstehen.

In unserem Berliner Store in der Gärtnerstr. 3 können die Kisten von den Mitgliedern aktuell immer Mittwochs abgeholt werden.

mundraub: Essbare Stadt

"mundraub" ist die größte offene Online-Plattform für die Entdeckung und Nutzung essbarer Landschaften. Ihre Vision ist ein gemeinschaftliches und nachhaltiges Verständnis essbarer Landschaften. Die Plattform bietet Karten5, mit denen Städte und Gemeinden Obstbäume und andere essbare Pflanzen im öffentlichen Raum weltweit lokalisieren können. Einfach auf mundraub.org gehen und die nächste Streuobstwiese in der Nähe finden! Bei Neuentdeckungen können Fundorte auch selbst kartiert werden. mundraub unterstützt zudem Kommunen bei der Konzeption und Umsetzung von essbaren Städten und Landschaften. Darüber hinaus werden über die Plattform Ernte-, Pflanz- und Pflegeaktionen organisiert und Entdeckertouren angeboten. Im Wesentlichen verbindet mundraub „Obstbäume und Menschen“6 und macht öffentliche und essbare Pflanzen sichtbar. Das besondere hierbei ist, dass essbare Pflanzen im öffentlichen Raum ein besonders niedrigschwelliges Angebot darstellen, da sie leicht zugänglich sind und unabhängig von finanziellen Mitteln genutzt werden können. Das direkte Erleben von Saisonalität und die ökologische Sensibilisierung erhöhen zudem das Bewusstsein: Wenn man erkennt, welche Obstsorten zu einer bestimmten Jahreszeit wachsen, wird schnell deutlich, dass es nicht selbstverständlich ist, im Winter Erdbeeren zu kaufen.

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