Fairtrade, die Lösung für ungerechte Wertschöpfungsketten?

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Fairtrade, die Lösung für ungerechte Wertschöpfungsketten?

Bild: © pixabay

Fairtrade

Veröffentlicht am 13.07.2020 von Lea Thin


Ob Schokolade, Bananen oder Kaffee - Produkte aus dem Globalen Süden sind auch in westlichen Ländern nicht mehr wegzudenken. Doch die Arbeit der Produzent*innen wird meist nicht ausreichend entlohnt. Fair Trade ermöglicht es Produzent*innen aus dem Globalen Süden, fair für ihre Arbeit entlohnt zu werden und ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Gleichzeitig geht mit dem Siegel die Verpflichtung zur Einhaltung menschenwürdiger Arbeitsstandards einher, so dass die Rechte der Arbeiter*innen auf Feldern, Plantagen und in Fabriken langfristig gestärkt werden. Kein Wunder also, dass auch viele Social Businesses, die auf Produkte aus Entwicklungsländern angewiesen sind, eine Fairtrade Zertifizierung anstreben.

Fairer Handel - ein Lösungsansatz für ungerechten Handel

Landwirtschaft ist die bedeutendste Einkommensquelle für 40 Prozent der Weltbevölkerung 1. Besonders für arme Haushalte in ländlichen Gebieten bietet die Arbeit auf dem Feld oder der Plantage oft die einzige Beschäftigungsmöglichkeit. Doch auch Konsument*innen sind auf die Kleinbäuer*innen und Arbeiter*innen angewiesen. Sie tragen zu 70 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelversorgung bei 2.

Und dennoch: Während sich Zwischenhändler und Endverkäufer oft satte Gewinne einstreichen, leben und arbeiten die Bäuer*innen und Arbeiter*innen unter prekären Verhältnissen. Hinzu kommt, dass der Klimawandel die Ernteerträge zunehmend schmälert. Bereits ein Temperaturanstieg von nur 1°C führt zu 5 bis 10 Prozent weniger Ernte 3 für die verbreitetsten Getreidearten. Am Ende reicht das Einkommen aus harter landwirtschaftlicher Arbeit heute oft nicht mehr aus, um die Familien der kleinbäuerlichen Betriebe ernähren zu können. Doch die Menschen am Anfang der Lieferkette, also diejenigen, die vor Ort in Entwicklungs- und Schwellenländern auf dem Feld, in der Goldmine oder in der Fabrik arbeiten, haben aufgrund ihrer sozialen Stellung nur wenig Einfluss, um ihre Arbeits- und Lebensverhältnisse aus eigener Kraft zu verbessern.

Fairer Handel soll Abhilfe gegen diese Ungerechtigkeiten schaffen. Ziel von Fair Trade ist es, die Lebensbedingungen von Landwirt*innen und Arbeitnehmer*innen im Globalen Süden zu verbessern. Dabei geht es nicht um monetäre Spenden. Vielmehr hilft Fair Trade Kleinbäuer*innen dabei, sich demokratisch zu organisieren und selbst ihre Interessen am Welthandel zu vertreten. Als Folge sind sie in der Lage, Druck auszuüben und so ihre Lohnsituation zu verbessern. Doch der Zusammenschluss hat noch weitere Vorteile: Durch Wissens- und Erfahrungsaustausch können Produzent*innen sich fortbilden, gemeinschaftlich teures technisches Equipment anschaffen und so ihre Erträge erhöhen.

Ein wesentlicher Bestandteil, um das zu erreichen, ist der Mindestpreis. Zu diesem müssen Fair Trade zertifizierte Produkte von Händler*innen vor Ort gekauft werden. Gerade in Zeiten von niedrigen Weltmarktpreisen hilft der Mindestpreis vielen Bäuer*innen, ihre Produktionskosten zu decken. Darüber hinaus zahlt Fairtrade sogenannte Prämien, um den Zugang zu Krediten für Equipment zur Sicherung höherer Erträge, Umweltschutzmaßnahmen oder einer besseren Qualität des Produkts zu erleichtern.

Beliebt und bekannt: Das Fairtrade Siegel

Lange und wenig transparente Lieferketten sowie eine fehlende Lobby für Produzent*innen machen es oft schwer für Konsument*innen zurückzuverfolgen, ob auch die Menschen am Anfang der Wertschöpfungskette gerecht entlohnt wurden. Viele greifen daher auf das Fairtrade Siegel zurück. Es ist weithin bekannt und Konsument*innen vertrauen dem Zertifikat. Fair Trade hat so mittlerweile eine große Anhängerschaft gewonnen und ist dadurch in der Lage, rund 1,66 Millionen Arbeiter*innen aus 75 Anbauländern 4 zu unterstützen.

Im Geschäftsjahr 2018 wurden in Deutschland 1,7 Milliarden Euro mit Produkten aus fairem Handel umgesetzt, innerhalb der letzten fünf Jahre hat sich der Umsatz mehr als verdoppelt. 81 Prozent aller fair gehandelten Produkten sind dabei Lebensmittel. Allein Kaffee hat einen Anteil von 32 Prozent 5. Damit wurde jede zwanzigste Tasse Kaffee in Deutschland fair gehandelt. Doch auch Bananen sind ein beliebtes Fair Trade Produkt. Im Jahr 2018 wurden 92.000 Tonnen von ihnen fair importiert, der Marktanteil von Bananen aus fairem Handel liegt bei etwa 14 Prozent 6. Auf Platz drei landet Kakao mit einem Marktanteil von 10 Prozent 7.

Doch auch wenn das Fairtrade-Siegel vor allem aus der Lebensmittelbranche bekannt ist, fair gehandelte Produkte sind vielfältig: auch Blumen, Kräuter, Gold und Textilien stammen zu großen Teilen aus Entwicklungsländern. Somit ist das Siegel nicht nur auf Bananen im Supermarkt zu finden, sondern auch auf Kleidung und Schmuck sowie Kosmetika. Kein Wunder also, dass auch viele Social Businesses, die auf Produkte aus Entwicklungsländern angewiesen sind, eine Fairtrade Zertifizierung anstreben.

Erfolgskonzept Fairtrade?

Doch ist das Siegel wirklich ein Garant für bessere Arbeitsbedingungen und menschenwürdiges Einkommen? Wie weit der Weg zu gerechten Handelsstrukturen noch ist, verdeutlicht zum Beispiel die prekäre Situation der Kaffeebäuer*innen weltweit. Angesichts von Niedrigpreisen auf dem Weltmarkt können über die Hälfte von ihnen im konventionellen Handel nicht einmal ihre Produktionskosten decken. Obwohl die Wertschöpfung bei Röstern und Händlern in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren um 139 Prozent stieg 8, ist sie zeitgleich in den Produktionsländern um 10 Prozent gesunken. Immer mehr Produzent*innen geben daher den Kaffeeanbau auf. Auch der Rückzieher der Discounterkette Lidl, der nun doch nicht auf 100 Prozent fair gehandelte Bananen umstellt, zeigt deutlich: Freiwillige Initiativen von Unternehmen wie Fair Trade allein reichen nicht aus, um den Welthandel zu revolutionieren.

Obwohl die Wertschöpfung bei Röstern und Händlern in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren um 139 Prozent stieg, ist sie zeitgleich in den Produktionsländern um 10 Prozent gesunken.

In den letzten Jahren kam zudem vermehrt Kritik zu den Gebühren der Fairtrade Zertifizierung auf. Fairtrade International verlangt von Landwirt*innen in Ländern mit niedrigem Einkommen eine relativ hohe Gebühr, um sich zu beteiligen. Doch etwa im Kaffeeanbau kann nur ein kleiner Teil des von Fair-Trade-Produzenten angebauten Kaffees auch als solcher verkauft werden, da der Marktanteil in den Verkaufsländern relativ gering ist. In Deutschland liegt er immer noch bei nur 4,8 Prozent 9.

Auch mit zusätzlicher Biozertifizierung kommen kleinbäuerliche Betriebe oft schlechter weg als beim konventionellen Kaffeeanbau. Zwar erhalten Fairtrade-Organic-zertifizierte Produzent*innen höhere Preise für ihren Kaffee, allerdings gehen durch die neue, aufwendigere Anbauweise etwa 40 Prozent ihrer vorherigen Einnahmen verloren 10. Diese Verluste werden durch die höheren Preise nicht ausgeglichen, lediglich 10 Prozent werden durch die Preisprämie kompensiert 11. Problematisch ist auch, dass durch die Zertifizierung gerade die ärmsten und am stärksten marginalisierten Produzent*innen ausgeschlossen werden, da sie nicht Mitglied einer zertifizierten Kooperative sind.

Während die Fair Trade Zertifizierung also nützlich für Konsument*innen im Supermarkt ist, ändert sie bislang nur wenig an der Machtverteilung innerhalb der Wertschöpfungskette. Doch solange die Bundesregierung kein Lieferkettengesetz verabschiedet, mit dem Unternehmen weltweit zur Vermeidung von Ausbeutung und zur Zahlung existenzsichernder Produktionspreise verpflichtet werden, sind freiwillige Initiativen wie Fair Trade wichtig, um lokale Produzent*innen zu unterstützen und deren Situation sichtbar zu machen. Denn in Regionen, in denen Regierungen, Unternehmen und Hilfsorganisationen genau hinschauen, können Menschenrechtsverletzungen eingedämmt und die Lebensgrundlagen der lokalen Produzent*innen verändert werden.

Eine Alternativen zum fairen Handel, um unfaire Handelsstrukturen aufzubrechen, ist der direkte Handel, oder auch: Direct Trade. Welchen Chancen und Herausforderungen Social Businesses dabei begegnen, erfahrt ihr hier.

Quellen

1, 2, 3, https://www.fairtrade-deutschland.de/was-ist-fairtrade/fairtrade-produzenten.html

5, 6, 7 https://www.fairtrade-deutschland.de/fileadmin/DE/mediathek/pdf/fairtrade_transfair_jahresbericht_2018.pdf

8, 9 https://www.forum-fairer-handel.de/fileadmin/user_upload/dateien/publikationen/materialien_des_ffh/2018_kaffee-eine-erfolgsgeschichte-verdeckt-die-krise.pdf

10, 11 https://www.4c-services.org/wp-content/uploads/2018/11/Impact-Study-Coffee-in-Uganda.pdf

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  • Lea Thin